Kultur

LAUFENDE LEKTÜREN (UND LEGENDEN)

 

  1. Christopher McDougall, Born to Run. Ein vergessenes Volk und das Geheimnis der besten und glücklichsten Läufer der Welt
  2. Walter Jens, Reden zum Sport. Nachdenkliches und Kritisches 1964 – 1999
  3. Paul Kimmage, Talk Don´t Run. Sportstars im Kreuzverhör, Bielefeld: Covadonga, 2009
  4. Dieter Baumann, Laufende Gedanken. Mit mehreren Karikaturen von Sepp Buchegger 2009
  5. Herbert Steffny, Optimales Lauftraining. München: Südwest, 2010
  6. Ingo Holland, Salz. Wiesbaden: Tre Torri, 2009
  7. Haruki Murakami, Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede. München, 2010
  8. Werner Sonntag, Bieler Juni-Nächte. Der 100-km-Lauf von Biel/Bienne. Ostfildern, 2008
  9. Kerstin Hensel, Alle Wetter. Gedichte. München: Luchterhand, 2008
  10. Jean Echenoz, Laufen. Roman. Berlin: Berlin Verlag, 2009
  11. Elmar Schenkel, Cyclomanie. Das Fahrrad und die Literatur. Eggingen: Edition Isele, 2008
  12. Karen Duves Selbstfindungsweg zur anständigen Esserin
  13. Epilog

 

Natürlich sind da die Klassiker, wie die (auch verfilmte) Einsamkeit des Langstreckenläufers (1959) des Ende April verstorbenen Alan Sillitoe und, von Siegfried Lenz, Brot und Spiele (gleichfalls erschienen, als der 10 000-Meter-Weltrekord, gehalten von Wladimir Kuz, noch bei 28:30 stand), worin der heute Vierundachtzigjährige eine bereits zu Beginn der Fünfziger zu Papier gebrachte Kurzgeschichte, „Der Läufer“, aus- und umgearbeitet hat.

Naturgemäß gibt es auch Schriftstellerinnen und Autoren, die dem Laufen wenn nicht verfallen, so doch durchaus zugetan sind, was sich in Trainingsläufen, in Wettkämpfen und eben auch in dem ein oder anderen Buch niederschlägt. Der wohl bekannteste Vertreter dieser Gattung laufender Schreiber ist hierzulande Günter Herburger. Der aus Isny stammende Lyriker, Prosaautor und Verfasser von Hörspielen, von Dreh- und Kinderbüchern (und zeitweilige Kommunist) hat seit 1988, seit Lauf und Wahn also, eine Folge von Büchern vorgelegt, in welchen er seine Erfahrungen als Läufer – über die Marathondistanz bis hin zum Bieler Hunderter und diversen Extremläufen – festhält.

Zu denken ist weiter an Autoren wie Haruki Murakami (Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede, 2008, eine Mischung aus Lauftagebuch und poetologischer Autobiographie), an die in Berlin lebende Ulrike Draesner (Inhaberin der Bamberger Poetikprofessur 2008), die über „Das Denkmal der Läuferin“ schreibt oder an Christoph Derschau, der eine ganze Reihe von Lauf-Haikus hinterlassen hat.

Zudem existiert die ein oder andere fiktional aufgemischte Läufer-Biographie, beispielsweise der knappe, Leben und Leiden (an den Repressalien der Sowjets) Emil Zatopeks nachzeichnende Roman Courir (2008; als Laufen im Berlin Verlag, 2009 – übrigens Angela Merkels Urlaubslektüre) von Jean Echenoz, der, nebenbei, in Bambergs Partnerstadt Rodez Soziologie studiert hat, oder, wiederum ein Klassiker, Die 80 Tage des Gunder Hägg (1976) von Hans Gebhardt. Hägg blieb im September 1942, bei Wind und Wetter, als erster Läufer über 5000 Meter unter 14 Minuten, ein Rekord, den erst Zatopek zwölf Jahre später unterbieten sollte. Von Juli bis Mitte Oktober des vierten Kriegsjahres startete Hägg in über zweieinhalb Dutzend Rennen, die er, selbstredend, sämtlich gewann.

En passant sollen auch Bücher, die sich etwa der Ernährung, Training und Taktik annehmen, berücksichtigt und vorgestellt werden. Die Auswahl ist reich: Von Manfred und Herbert Steffny über Barbara und Jeff Galloway bis hin zu Christopher McDougall, der sich aufgemacht hat, unter dem Volk der Tarahumara in den Canyons Nordmexikos das „Geheimnis der besten und glücklichsten Läufer der Welt“, wie der deutsche Untertitel lautet, zu lüften. Mag ja sein, daß durch die ergänzende Lektüre das Vergnügen am Laufen und die Teilnahme am Weltkulturerbelauf 2011 zu einem noch größeren, noch intensiveren Erlebnis werden.

(Jürgen Gräßer, 23/06/10)


Erste Buchbesprechung:

ZUM LAUFEN GEBOREN


Um es gleich zu sagen: Dieses Buch ist ein Gewinn. Es öffnet uns die Augen. Dafür nämlich, daß wir tatsächlich zum Laufen geboren sind. Zu diesem Schluß jedenfalls kommt Christopher McDougall, der sich aufmachte, im wilden Norden Mexikos dem „Geheimnis der besten und glücklichsten Läufer der Welt“ auf die Spur zu kommen. Anlaß war ein ungeachtet von hypermodernen Laufschuhen, von diversen Arztbesuchen und Kortisonspritzen ständig schmerzender Fuß. Statt zu verzweifeln und zuhause im ländlichen Pennsylvania die Flinte ins Korn zu werfen, reist McDougall, der ehemalige Kriegsreporter, im Auftrag von Runner’s World zu den Tarahumara, die als sagenumwobene Extremlangläufer gelten.

Abgeschieden leben sie in den Schluchten der Copper Canyons im nördlichen Mexiko und strotzen vor Gesundheit. Krebs und die üblichen Zivilisationskrankheiten sind den Tarahumara so gut wie unbekannt. Sie ernähren sich großenteils von Maisfladen, mögen Papayas, Bananen, Avocados, gekochte Bohnen und im Teig gebratenen Fisch, gönnen sich auch mal einen nahrhaften Rindfleischeintopf mit Tomaten oder, zum Frühstück, Rührei mit Ziegenkäse und süßen Peperoni. Die Tarahumara trinken gern und reichlich selbstgebrautes Bier, gerade auch am Abend vor einem Rennen, und bis weit in die Nacht hinein.

Mal eben in einfachen, aus abgefahrenen Autoreifen gefertigten Gummisandalen vierzig, fünfzig oder noch mehr Meilen durch die dornenreichen Canyons zu laufen (und zwar bei bester Laune und mit einem Lächeln auf den Lippen), ist unter den Tarahumara an der Tagesordnung. Sie fliegen, meint McDougall, leichten Fußes über den steinigen Boden, gerade so, wie Delphine durch die Wellen gleiten. Das alles übrigens ohne überteuerte Laufschuhe, ohne Energiegetränke und dubiose Nahrungsmittelzusätze.

Packender Höhepunkt von Born to Run ist ein großes Rennen, bei welchem die Tarahumara gegen einige der besten Ultralangläufer des nordamerikanischen Kontinents antreten. Darunter ist der phänomenale Veganer Scott Jurek, außerdem die im Jahr der Olympischen Spiele von Los Angeles geborene Jenn Shelton, die gern Margaritas kippt und es schon einmal während eines Rennens zusammen mit einem ihrer Mitläufer wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses mit der Polizei zu tun bekam, schließlich McDougall selbst sowie ein fortwährend schwatzendes Unikum, ein bekennender Barfußläufer.

Von den Tarahumara lernt McDougall, nicht wie gewohnt auf den Fersen aufzusetzen, sondern sanft auf den Fußballen zu laufen. Seit dem Tag, an dem er diese Technik verinnerlicht habe, sei er, schreibt McDougall, niemals mehr verletzt gewesen.

Die Recherchen des mit diesem Buch (es stand in den USA über Monate hinweg an der Spitze der diversen Verkaufshitlisten) debütierenden Autors führen ihn auch in die Forschungslabors von Harvard und zu den Buschleuten der Kalahari. Noch heute hetzen diese Steinböcke oder Antilopen zu Tode, indem sie in Gruppen der Beute solange hinterherlaufen, bis das Tier erschöpft und überhitzt zusammenbricht.

Eine vergnügliche, eine oft humorvolle, eine immer spannende Lektüre, welche Einblicke gewährt in die uns fremde Welt der Tarahumara, die sagen, daß ihre Kinder bereits laufen, ehe sie gehen können. Die – im übrigen nicht immer zuverlässig, geschweige denn geschmeidig übersetzten – 400 Seiten animieren dazu, sogleich die Laufschuhe zu schnüren und sich auf die Trainingsrunde zu machen. Oder, besser noch, sich im Barfußlaufen zu versuchen. Es sei daran erinnert, daß ein Abebe Bikila 1960 in Rom den olympischen Marathon gewann. In Weltjahresbestzeit – und ganz ohne Schuhe. Und wem danach ist, der kann sich dabei Bruce Springsteens „Born to Run“ anhören.

Christopher McDougall, Born to Run. Ein vergessenes Volk und das Geheimnis der besten und glücklichsten Läufer der Welt. Aus dem amerikanischen Englisch von Werner Roller. München, Blessing 2010. 19,95 Euro.

 

Zweite Buchbesprechung

REDEN ZUM SPORT

 

Walter Jens nimmt Otto Peltzer in den Blick, und den TV Eimsbüttel


An Walter Jens, den Schriftsteller, den seit 1988 emeritierten Tübinger Professoren für Allgemeine Rhetorik, an das ehemalige Mitglied der Gruppe 47 werden die wenigsten denken, wenn es gilt, sich mit dem Laufen, mit der Leichtathletik befassende Literatur zu nennen. Und doch: in den im vergangenen Jahr herausgekommenen Reden zum Sport. Nachdenkliches und Kritisches 1964 – 1999 findet sich auch ein luzider Essay zur „Leichtathletik zwischen Skylla und Charybdis“, ein Festvortrag, den der große Redner Jens 1998 in Berlin gehalten hat, aus Anlaß des hundertjährigen Gründungsjubiläums des Deutschen Leichtathletik-Verbandes.

Auf weniger als einem Dutzend Seiten schlägt Jens mühelos den Bogen von Otto „dem Seltsamen“ Peltzer bis zu Dieter „Ich laufe keinem hinterher!“ Baumann, führt des Sprinters Manfred Germar Traktat „Lob des Sports“ an, erwähnt Paavo Nurmi und Emil Zatopek, macht Odysseus als „Ahnherrn aller Leichtathleten“ (Spezialdisziplin: Diskuswurf) aus und fragt, wo in der Weltliteratur denn „so oft gelaufen, gesprungen und geworfen“ werde wie bei Homer.

Jens beginnt seinen Vortrag in fast Kleist’scher Manier mit einem Ereignis, aus dem sich eine Novelle schmieden ließe: „An einem Frühlingstag des Jahres 1894, es war der 22. Mai, versammelten sich in Berlin, am Brandenburger Tor, zwölf Leichtathleten, deren Ziel es war, in möglichst kurzer Zeit den 270 Kilometer entfernten Sachsenwald zu erreichen: Dort, in Friedrichsruh, wollten sie – in der Form einer sportiven Huldigung – Fürst Bismarck ihre Aufwartung machen.“ Lediglich die Hälfte des tapferen Häufleins erreichte das Ziel, als erster kam ein gewisser Fritz Maag – 58 Stunden und 53 Minuten war er unterwegs, man hatte sich darauf verständigt, statt zu Laufen zu Gehen, auch galt es, zwischen 22 Uhr und 4 Uhr zu ruhen – in Friedrichsruh an. Wann der Letzte am Schloß, einen Halbmarathon östlich von Hamburg gelegen, eintraf, ist nicht überliefert. Bismarck, konstatiert Jens, „wird lange gewartet haben, ehe der Leichtathlet Gelegenheit hatte, sein Läufer-Hurra zu artikulieren“, Bismarck, der – ganz wie Winston „no sports“ Churchill – reichlich aß, leidenschaftlich trank und „bis zum Exzess“, schreibt Jens, rauchte.

Otto Peltzer (1900 bis 1970) feiert Jens als „unverwechselbare Persönlichkeit unter den Leichathleten“, als „genialen Sonderling“. Auf dessen Briefkopf war zu lesen: „Schriftsteller und Soziologe. Experte in Sportmedizin, Technik und Erziehung. Olympionike. Ehemaliger Weltrekordläufer“. Als Peltzer, das Idol seiner Zeit, im September 1926 in Berlin über 1500 Meter den Schweden Edvin Wide und den legendären Finnen Paavo Nurmi besiegte, nahm er Letzterem auch in 3:51,0 den Weltrekord ab.

Schon gegen Ende des letzten Jahrhunderts warnt Jens vor dem Verfall des Sports zu einem Medienspektakel, bei dem statt der Athleten die Sponsoren die erste Geige spielen, vor dem Verfall auch zu einem „Ranking-Festival (Nummer 27 kämpft gegen Nummer 211, so hat’s der Computer berechnet), bei dem der einzelne Sportler seine Individualität mehr und mehr einbüßt“ und Doping-Experimentatoren „Körper behandeln, als wären sie beliebig manipulierbare Waren“. Auf den Marathonlauf folgt subito die Pilsreklame, und es interessiert in diesem (leider längst Wirklichkeit gewordenen) Schreckensszenario doch tatsächlich, ob denn „Becks oder Bitburger“ die Nase vorn hat.

„Nachdenkliches und Kritisches“, wie die von Helmut Digel und Ommo Grupe gesammelten Reden im Untertitel heißen, hat Jens selbstverständlich auch zu den „Olympischen Spielen als Politikum“ zu sagen oder zur Sportberichterstattung im Fernsehen. Den Eimsbütteler Tagen ruft der inzwischen Achtundachtzigjährige, aus Hamburg gebürtig, ein Lamento nach. Sein Objekt der Identifikation hieß damals TV Eimsbüttel und die Nationalspieler, statt Millionen einzufahren, waren noch Gemüsehändler wie Hans Rohde, Eisverkäufer (Herbert Panse), Lehrer (Otto Lüdecke).

Das kluge und informative Bändchen schließt mit Friedrich Torbergs Gedicht „Auf den Tod eines Fußballspielers“. Es erinnert daran, daß Robert Enke nicht der erste Tormann war, der seinem Leben ein Ende setzte. Auch Matthias Sindelar, der beliebteste Fußballspieler im annektierten Österreich, ging aus freien Stücken in den Tod.

Walter Jens, Reden zum Sport. Nachdenkliches und Kritisches 1964 – 1999. Schorndorf: Hofmann, 2009. 12,90 Euro

 

Dritte Buchbesprechung
 

PAUL KIMMAGE VON DER SUNDAY TIMES SPRICHT MIT HAILE GEBRSELASSIE UND BORIS BECKER

 

Lance Armstrong ist nicht gut auf ihn zu sprechen, was weiter nicht wundernimmt. Paul Kimmage nämlich, der Autor des vorliegenden, Gespräche mit Größen aus der Welt des Sports enthaltenden Buches, klagt den Gewinner der Tour de France (siebenmal in Folge, von 1999 bis 2005) des Dopings an. Kimmage kennt sich aus im Peloton, nahm selbst dreimal an der Frankreichrundfahrt teil. Apropos –

Tour de France

Als die Spitzengruppe
von einem Zitronenfalter
überholt wurde,
gaben viele Radfahrer das Rennen auf.

Günter Grass

Doch zurück zu Kimmage, zurück zu den „Sportstars im Kreuzverhör“. Seit einem knappen Jahrzehnt arbeitet der Ire als Sportjournalist für The Sunday Times. Dort betreut er die Reihe „The Big Interview“. Drei Dutzend Gespräche, geführt von November 2002 bis März 2009, liegen nun auf Deutsch vor. Fußballer kommen zu Wort (Patrick Viera beispielsweise, oder Geoff Hurst, der inzwischen zum Ritter geschlagene Schütze des Wembley-Tores), Formel-1-Fahrer (Nigel Mansell, David Coulthard, Jenson Button), Golf- (Nick Faldo, Bernhard Langer, Severiano Ballesteros) und Tennisspieler (Jimmy Connors, Pete Sampras, John McEnroe, Boris Becker). Auch für Anna Kournikova, die „möglicherweise meistfotografierte Frau auf diesem Planeten“, ist Platz und für die nicht minder bezaubernde Apnoe-Taucherin Tanya Streeter, naturgemäß auch für Radsportler wie Christian Vandevelde und David Millar, für zwei Vertreter von auf der Insel ungemein populären Sportarten (Phil Taylor, der phänomenale Dartsspieler, zum einen, zum anderen der am Snookertisch brillierende Ronnie O’Sullivan). Schließlich schafft es – immerhin – ein Leichtathlet, ein Langläufer, in die Auswahl: Haile Gebrselassie.

Den „sanftmütigen, aber beherzten Mann“, den „größten Langstreckenläufer, den die Welt je gesehen“ hat, trifft Kimmage vor den Toren von Addis Abeba. Das Gespräch verläuft über weite Strecken ganz anders als geplant: „Ach ja, das Laufen. Darüber sollen wir uns ja unterhalten. Darum soll es in diesem Interview doch gehen.“ Doch statt all der Weltrekorde und internationalen Titel, statt der Rivalität mit seinem Freund Paul Tergat, statt der „Geißel Doping, die auf den Namen EPO hört“, steht die Heimat Gebrselassies im Mittelpunkt. Das sollte aber nicht wirklich überraschen, denn: „Jeder, der diesen Mann kennt, sagt einem, dass das wahre Wunder von Gebrselassie nicht seine sportlichen Leistungen seien, sondern die Art und Weise, wie er abseits der Stadionlaufbahn leben würde.“

Wenn also die meisten Äthiopier von einem besseren Leben im Ausland träumen, gilt für den Wunderläufer, daß er von einem besseren Leben in seiner Heimat träumt: „Alles, was er verdient hat, hat er in diesen Traum investiert.“ Gebrselassie hat Schulen bauen lassen, Bürokomplexe, ein modernes Fitness-Zentrum, hat Hunderte in Lohn und Brot gebracht. Es sei schwer, erzählt der Inhaber des aktuellen Marathonweltrekords (2:03.59, gelaufen am 28. September 2008 in Berlin), „mit so vielen bitterarmen Menschen zusammenzuleben“. Was zu tun sei, wie diesen Menschen geholfen werden könne, lauteten Gebrselassies zentrale Fragen. So hat er sich bereits früh in seiner Karriere entschieden, sein Geld vor Ort zu investieren und nicht in Europa anzulegen: „Alles Geld, was ich besitze, gebe ich in diesem Land aus.“ Ein Land, auf das und auf dessen Menschen Gebrselassie stolz ist. Als er in seinem silbernen, zehn Jahre alten Mercedes (das bekannteste Auto Addis Abebas) Kimmage ins Hotel zurückbringt, drehen sich die Leute an jeder Kreuzung um und feiern ihren Helden „Haile! Haile!“ Gut möglich, daß man ihn auch im Herbst in Berlin wieder feiern wird. Die schnelle Strecke lockt.

Paul Kimmage, Talk Don’t Run. Sportstars im Kreuzverhör. Bielefeld: Covadonga, 2009. 14,80 Euro.

 

 

Vierte Buchbesprechung

DIETER BAUMANN MACHT SICH LAUFEND GEDANKEN

 

Auf einer der letzten, der zweihundertunddritten, Seite seiner im so kleinen wie sprichwörtlich feinen Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer erschienenen Laufenden Gedanken bekennt Dieter Baumann, seine Gabe zu laufen sei „sicherlich sehr viel größer“ als die, zu schreiben. Gewiß. Und doch muß man anerkennend konstatieren, daß der hierzulande, wenn nicht, cum grano salis, europaweit seit den späten Achtzigern zunächst die Fünf-, von Mitte der Neunziger und bis 2003 darüber hinaus auch die Zehntausendmeter dominierende Schwabe durchaus zu schreiben vermag. Zu diesem Befund kommt, wer auch nur zwei, drei dieser bei der taz und in Runner's World erstveröffentlichten Kolumnen liest. Ganz nebenbei dürften Freundinnen der Karikatur ihren Spaß haben am zeichnerischen Witz Sepp Bucheggers, der gern auch mal, das ist unschwer auszumachen, den laufenden Autoren selbst ins Visier und auf die Schippe nimmt.

Des Lebensläufers Dieter Baumann Credo lautet schlicht: „Laufen kann jeder.“ Anders als etwa auf dem Gebiet der Musik bedürfe es keines besonderen Talentes, um „der von der Natur gegebenen Bewegung“ nachzugehen. Ja es kommt, „kaum vorstellbar, aber wahr“, noch besser: „Mit ein wenig Übung bedeutet Laufen keine Anstrengung, keine Mühe, es ist purer Lebensgenuss.“

Um „für das Wohlgefühl, die Gesundheit und den seelischen Ausgleich“ zu laufen, ist es nie zu spät. Ein Lebensläufer, schreibt Baumann, der sich im September 2003 vom Leistungssport zurückgezogen hat, integriere körperliche Bewegung derart in den Tagesablauf, daß er sie, wenn überhaupt, lediglich als Randnotiz bemerke. Vielmehr kultiviere er die Haltung, daß das Laufen im Sinne der Nikomachischen Ethik des Aristoteles bedeute, tätig zu sein und damit „Laufen zur Lebenslust“ werde. Weg also von der Vita contemplativa, die man hinter dem Titel der gesammelten Einlassungen Baumanns vermuten könnte, hin zur Vita activa.

Aktiv und engagiert gibt sich Baumann auch da, wo es brennt. Etwa, wenn er Häftlinge (auf einem Bolzplatz im Gefängnishof) innerhalb von zwei Monaten soweit trainiert, daß sie es schaffen, eine Stunde zu laufen. Oder im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen in Peking, den Verletzungen der Menschenrechte, den Problemen in Tibet Jacques Rogge und dem von ihm angeführten IOC den „Ausverkauf der olympischen Idee“ vorwirft.

Einigermaßen schwarz vor Augen wird Baumann, wenn er einen Blick in das im Juli 2005 verabschiedete Wahlprogramm der CDU/CSU wirft. Vermutlich nicht nur deren Politik, da beliebig geworden, ist ihm alles andere als grün. Frau Merkel ruft er zu: „Angie, jetzt streng dich an.“

Selbstverständlich werden bei der Lektüre der Gedanken Erinnerungen wach an Baumanns großartige Rennen, auch wenn sie nicht notwendigerweise in einen Sieg mündeten, wie 1996, als er in Atlanta über 5000 Meter Vierter wird. Khalid Boulami, der Marokkaner, verdrängt ihn um wenige Zentimeter von einem Medaillenplatz. Silber holt sich, wie schon vier Jahre zuvor, als, in Barcelona, Baumann siegte, Paul Bitok (Kenia), Gold Vénuste Niyongabo aus Burundi.

Wir erleben den heuer 45 gewordenen Wassermann (in seinem Geburtsort am Fuße der Schwäbischen Alb stößt man auf den Blautopf) außerdem im Training und Wettkampf in Neuseeland, in St. Moritz und in einem italienischen Fischerdorf, bei der Cross-Weltmeisterschaft in Boston, bei seinen Abenteuern im Fitness-Studio und, zum Finale, bei einem Lauf, der ihn von der Heimatstadt Blaubeuren in weniger als acht Stunden über 80 Kilometer und viele Steigungen hinweg nach Tübingen führt, wo er heute lebt. Auf dem Fahrrad mit dabei ist Baumanns Vater. Das mache, bekundet der Sohn freimütig, gleich zwei „irre Typen“.

Als nützliche Zugaben erweisen sich drei Trainingspläne: für Einsteiger, für Wohlfühlläufer (die auch Rad zu fahren, zu schwimmen und einen Kardiozirkel zu bestehen haben). Überhaupt – das ist das Erbe des Vaters, der die Aktiven des Fußballvereins in Form brachte – ist Dieter Baumann dem Segen des Zirkeltrainings zugetan. Er listet mehr als ein Dutzend Übungen auf, die Beine, Bauch und Rücken kräftigen. Unkomplizierter freilich ist es, denn das geht überall, zwanglos loszulaufen: „Das linke vor das rechte Bein. Die einfachste Bewegungsform, die Gott schuf.“ So ist es.

Dieter Baumann, Laufende Gedanken. Mit mehreren Karikaturen von Sepp Buchegger. Tübingen: Klöpfer & Meyer, 2009. 17,90 Euro.

 

Fünfte Buchbesprechung


HERBERT STEFFNY BEREITET UNS OPTIMAL BIS ZUM HALBMARATHON VOR

 

28:31 über die Zehntausend, 2:11.17 für den Marathon – das sind auch heute noch, zweieinhalb Jahrzehnte, nachdem sie gelaufen wurden, mehr als ansprechende Marken. Nicht ganz so schnell wie in Chicago war Herbert Steffny in Stuttgart, als er bei den Europameisterschaften 1986 eine halbe Minute hinter den beiden Italienern Gelindo Bordin und Orlando Pizzolato und elf Sekunden vor Ralf Salzmann die Bronzemedaille gewann. Steffny nimmt noch immer an Wettkämpfen teil. Auch in Bamberg ist er kein Unbekannter, denn im Vorfeld des 3. Weltkulturerbelaufes 2007 gewährte man ihm eine Kolumne im Lokalblatt und lud ihn zu einem überaus gut besuchten Vortrag in das Schützenhaus Kunigundenruh im Hauptsmoorwald.
Vor allem aber hat sich der lange schon im Schwarzwald (erst in Freiburg, dann in Titisee) beheimatete Lockenkopf einen Namen gemacht als Veranstalter von Laufseminaren, als Verfasser von Anleitungen zum Glücklichsein mittels lockeren Laufens und gesunden, durchaus leckeren Essens, als Autor von Kompendien auch für ambitionierte Läuferinnen und Läufer, von denen manch eines längst Kultstatus (und viele Auflagen) erreicht hat.
„Optimales Lauftraining“ verheißt Steffnys jüngstes Opus. Auf 240 Seiten finden sich fundierte, aus langer Erfahrung gewonnene Aussagen zur Motivation, zu Ausrüstung und Einstieg (Walking, Jogging, Fitneßlaufen) und unterschiedlichen Trainingsformen (Dauer-, Berg-, Crosslauf). Trainingspläne für Strecken von 5000 Meter bis zum Halbmarathon erweisen sich als nützlich, auch die Exkurse zu Laufstil und Gymnastik (jeweils einschließlich der erhellenden Farbphotographien), zu Regeneration und Prävention sowie über die geeignete Ernährung im Training wie Wettkampf will man nicht missen. Sportbiologische Bemerkungen in Sachen Sauerstoffaufnahme und Energiestoffwechsel erinnern daran, daß Steffny studierter Diplombiologe ist.
Interessant ist der kurze Blick zurück in die Geschichte des Laufens. Daß sich dieser Ausdauersport längst zu einem echten Renner gemausert hat, läßt sich leicht an der Teilnehmerzahl etwa des Weltkulturerbelaufes ablesen. Man ist jedoch überrascht zu erfahren, daß schon 1899 ein Dutzend Laufvereine allein in Hannover existierten. Der Startschuß zum ersten Volkslauf fiel hierzulande im schwäbischen Bobingen, dem Geburtsort Roy Blacks übrigens, und zwar just in dem Jahr, als dieser mit seinen Cannons erstmals für einige Furore sorgte, mithin 1963.
In den Siebzigern riet der Deutsche Sportbund zum „Lauf mal wieder“, die DDR zu „Lauf dich gesund“ und „Eile mit Meile“, während Emil Zatopek, die tschechische Lokomotive, im Jahr der Olympischen Sommerspiele von Montréal beim Trimm-Trab in Bad Arolsen so knapp wie weise konstatierte: „Fisch schwimmt, Vogel fliegt, Mensch läuft!“ Mittlerweile gehöre, schreibt Steffny, Laufen – diese „ganzheitliche Reise zu sich selbst“ – zum guten Ton und fügt Namen an wie Barack Obama, Nicolas Sarkozy, Carla Bruni, Nena und Jennifer Aniston, die teils sogar Marathon laufen.
Selbst wenn die von Steffny gebotenen Trainingspläne hinabreichen bis zu sehr flotten Zielzeiten von 14:30, 29:30 und 1:09, bleibt es sein erstes Anliegen, der Leser möge ein gutes Körpergefühl entwickeln und zum Genußläufer werden. Dabei vergißt der von der rieslingreichen Mosel stammende 16fache Deutsche Meister nicht, den Médoc-Marathon zu erwähnen, ein „42,195 Kilometer langes Festival für Gourmetläufer bei Wein und Austern“, welcher ebenso im Trend liege wie Laufreisen beispielsweise zum Marathon auf Hawaii.
Auf den vorderen und hinteren Umschlaginnenklappen stößt man auf hilfreiche Kurzinformationen zum langsamen Laufen als Gesundheitstraining („Lächeln statt Hecheln“), zum bestmöglichen Laufeinstieg, sodann – Fortgeschrittene und Aficionados werden es Steffny danken – auf eine Bestandsliste für die Wettkampftasche (Funktionsunterwäsche und Sport-BH, Stirnband, Teilnehmerbestätigung, Vaseline, Getränkeflasche, Kleingeld) und Hinweise für „Besser-Esser“, die von dem Rat, sich fettärmer zu ernähren, also bevorzugt pflanzliche Öle und Meeresfisch zu sich zu nehmen, über das Primat von frischen Produkten (möglichst saisonal und regional) bis zum Ruf nach einem Weniger an Kaffee, Schwarztee und Alkohol reichen.
Ob man sich nun für den wieland-, den Brose- oder den Sparkassen-Lauf entscheidet – die Teilnehmer am Weltkulturerbelauf 2011 werden aus der Lektüre zweifelsohne nicht wenig Gewinn ziehen.
Nebenbei: Daß Herbert, wann immer es Trainings- und Wettkampfplan erlaubten, es sich keinesfalls nehmen ließ, sonntags mit uns Normalsterblichen durch den Freiburger Mooswald zu laufen, oder von dort zurück nach Herdern (wir wohnten nicht weit voneinander entfernt), haben wir ihm damals wie heute hoch angerechnet. Ein sympathischer Kerl!

Herbert Steffny, Optimales Lauftraining. München: Südwest, 2010. 16,95 Euro.

 

Sechste Buchbesprechung

INGO HOLLAND UND SEIN MEHR SALZ

 

Des langen Laufens ist Herbert Steffny keinesfalls müde, und er wird auch nicht müde, in seinen Seminaren (zusammen mit Charly Doll, Olympia-Koch und exzellenter Berg- und Ultramarathonläufer) und Publikationen auf die Wichtigkeit einer gesunden, zugleich durchaus leckeren Ernährung hinzuweisen. Auch ist Steffny, lange schon und gut, befreundet mit Karl-Emil Kuntz, der in der „Krone“ zu Herxheim-Hayna hinter dem Herd steht. Seit bald einem Vierteljahrhundert hält Kuntz dort einen Michelin-Stern, und es gibt nicht wenige, die sagen, es wäre endlich an der Zeit, ihm den zweiten zuzugestehen. Jürgen Dollase, der ehemalige Krautrocker (er gründete die Gruppe „Wallenstein“) und längst führende Gourmet-Kritiker hierzulande, der vom desaströsen Billighamburger bis hin zum edelsten Feinschmeckergericht alles Verspeiste en detail und frei von Siebeck'scher Hybris analysiert, wußte vor wenigen Wochen erst in der FAZ nur Gutes über das in der „Krone“ Gereichte und Kredenzte zu berichten.
Kuntz ist übrigens, so schließt sich der Kreis, passionierter Marathonläufer, mit einer Bestzeit von 2:47, immerhin, also knapp unter Viererschnitt. Mitnichten ist es also so, daß alle Köche ein ansehnliches Gewicht auf die Waage bringen, wie etwa Vincent Klink von der Stuttgarter „Wielandshöhe“ oder der zumindest im Freistaat ubiquitäre Alfons Schubeck. Nein, nein. Harald Wohlfahrt – einer der phänomenalsten Köche Europas, wenn nicht überhaupt – präsentiert in der „Schwarzwaldstube“ der Tonbacher „Traube“ bei Baiersbronn Leckereien, die dem Michelin seit 1992 drei Sterne wert sind. Seinen Ausgleich findet er, bisweilen womöglich auch Inspiration, beim Laufen.
Wer läuft, schwitzt, wer schwitzt, scheidet unter anderem Salz aus. Dem weißen Gold hat sich Ingo Holland, in einem früheren Leben Pâtissier und Sternekoch im unterfränkischen Klingenberg am Main, mit Wissen und Leidenschaft angenommen. Eine Vielzahl an Facetten, Farben, Sorten und Geschmäckern vermag er dem „schier unerschöpflichen und faszinierenden Thema“ Salz abzugewinnen. In der Einleitung zu dem vom Deutschen Institut für Koch- und Lebenskunst in Leipzig zum „Kochbuch des Jahres 2009“ erkorenen Band räumt Holland sogleich mit der Mär auf, daß man vor dem Braten Fleisch nicht zu würzen habe. Zwar entziehe Salz Wasser, doch wenn man das Fleisch erst ganz kurz vor dem Anbraten salze, vermeide man diesen Entzug und werde zudem dadurch belohnt, daß der Geschmack viel besser in das Bratgut eindringe und viel weniger Salz benötigt werde. Doch muß es beileibe nicht immer Fleisch sein. Meeresfisch, zu dessen Konsum Herbert Steffny mehrmals die Woche rät, ist in Hollands Küche häufig vertreten. Die Dorade reicht er mit gesalzenen Kirschblüten (aus dem Japanladen) und rotem Camargue-Reis, der mit Fleur de Sel bestreute Petersfisch darf auf einem Algensalatbett ruhen, Stockfisch veredelt er, indem er daraus (und aus Zucchini, Auberginen, Oliven, Tomaten und Kartoffeln) Bacalhau-Törtchen formt. Auch Vegetarier werden fündig. Die Ochsenherztomaten sind, so photogen wie sie sich geben, in der Kombination mit großblättrigem Basilikum, mit Himalayasalz, Balsamico, Olivenöl und Ziegenfrischkäse, bereits abgelichtet (von dem Wiesbadener Michael Link) ein Gedicht. Da bleibt nur, einen guten Appetit zu wünschen und zuzugreifen.
Daß Laufen und (gutes) Essen ineins gehen, schlägt sich auch bei manchem Marathonlauf nieder. Auf den Médoc-Marathon haben wir bereits aufmerksam gemacht; im kleinen, an Sternerestaurants (verwiesen sei beispielsweise auf das „Gästehaus“ von Klaus Erfort, einem Schüler von Wohlfahrt, in Saarbrücken) reichen Saarland geht am 19. September auf einer flachen Strecke erstmals ein Gourmet-Marathon über die Bühne. Statt Preisgeldern winken den Schnellsten in der Landeshauptstadt Gourmet-Gutscheine. Meldungen sind noch bis Ende August möglich.

Ingo Holland, Salz. Wiesbaden: Tre Torri, 2009. 49,90 Euro.

 

 

Siebte Buchbesprechung

HARUKI MURAKAMIS BETRACHTUNGEN ZUM LANGEN LAUFEN

 

Sein Name ist ja bereits in der Einleitung zu dieser losen Folge von Buchbesprechungen gefallen. Wir kommen nun gern dem Hinweis einer laufend Lesenden, einer lesenden Läuferin aus Frankfurt nach und stellen Haruki Murakami vor. Nicht nur in Japan wurde einst einigermaßen heftig darüber debattiert, ob Murakami denn als Schriftsteller überhaupt von Gewicht sei. Hierzulande sorgte wenigstens eines seiner Bücher für einen Eklat. Vor einer Dekade, im August 2000, hatte sich das „Literarische Quartett“ Murakamis bereits siebten Roman vorgenommen, „Gefährliche Geliebte“, im Original 1992 veröffentlicht und bei uns nicht aus dem Japanischen übertragen, sondern vielmehr auf Grundlage der englischsprachigen Version. Marcel Reich-Ranicki warf Sigrid Löffler vor, sie halte „Liebe für etwas anstößig Unanständiges“. Angesichts dieser, wie sie fand, keinesfalls gerechtfertigten Unterstellung nahm Löffler, die in der beliebtesten Literatursendung des deutschen Fernsehens von Anfang an mitgewirkt hatte, ihren Hut (um von Iris Radisch ersetzt zu werden).
Inzwischen gilt Haruki Murakami als der weltweit bekannteste japanische Schriftsteller überhaupt, inzwischen werden seine Werke auch für den deutschsprachigen Markt aus dem Japanischen übersetzt. Davon, daß Murakami nunmehr zum weltliterarischen Kanon gehört, zeugt die Aufnahme in die dritte Auflage von Kindlers Literaturlexikon, das die drei Romane „Wilde Schafsjagd“, „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ sowie „Kafka am Strand“ würdigt. Die achtzehn Bände des Lexikons (14548 Seiten, zu haben zu einem Preis, für den man auch zwei Dutzend Paar gute Laufschuhe, Auslaufmodelle, im Fachhandel erstehen kann) sind übrigens gebunden in einen dunkelgrauen Textileinband aus Baumwollgewebe der Bamberger Kaliko GmbH. Anfang der Achtziger entdeckte Murakami den Langstreckenlauf als „ideale Sportart“ für sich, denn ihm sei daran gelegen, „die Ziele zu erreichen, die ich mir selbst gesteckt habe“. Von den Gewohnheiten, die er sich zu eigen gemacht habe, sei „das Laufen die hilfreichste und sinnvollste“, sie habe ihn „stärker gemacht, sowohl körperlich als auch emotional“.
„Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ (aus dem Japanischen von Ursula Gräfe) – das Original ist 2007 herausgekommen, die deutschsprachige Ausgabe im Jahr darauf; seit April liegt sie auch als Taschenbuch vor – will kein die Leser zum Laufen anhaltender Ratgeber sein, sondern Murakami zufolge „ein Buch über meine Erfahrungen als Läufer“, ein Buch, „in dem ich über verschiedenes nachdenke“. Etwa über Literatur, was ja bereits im Titel anklingt mit seinem eindeutigen Hinweis auf Raymond Carver, den Großmeister der amerikanischen Kurzgeschichte, dessen (überschaubares) Gesamtwerk Murakami übersetzt hat.
Das Laufen langer Strecken entspreche seinem Wesen und habe ihm immer Spaß gemacht, schreibt der mittlerweile Einundsechzigjährige. Zum fast täglichen Training darf es gern auch ein bißchen Musik sein, was bei einem ehemaligen Betreiber eines Jazz-Clubs nicht weiter wundernimmt. Sehr gern hört er die Red Hot Chili Peppers und Lovin' Spoonful. Auch die Beach Boys und Creedence Clearwater Revival sind mit bei der Lauf-Party. Als „ideale Begleitung beim Laufen“ empfindet Murakami „Sympathy for the Devil“, und „Reptile“ von Eric Clapton gilt ihm gar als „das beste Album für einen lockeren Lauf am Morgen“. Er weiß aber auch zu berichten, daß Domenico Scarlatti den Großteil seiner 555 Cembalosonaten im Alter geschrieben hat.
Mit dem Laufen geht das starke Rauchen (gelb waren die Finger von sechzig Zigaretten am Tag, aus allen Poren kroch Rauch), fällt das Gewicht, steigt die Konzentrationsfähigkeit, stellt sich ein gesunder Lebenswandel ein. Der Sport läßt kleine Sünden der flüssigen wie der süßen Art zu: „Samuel Adams Summer Ale und Dunkin' Donuts sind wichtige Bestandteile des Bostoner Lebens, aber auch diese Genüsse kann man sich gönnen, wenn man täglich trainiert.“ In Boston war Murakami zuhause, als er an der nahen Tufts University kreatives Schreiben lehrte und allmorgendlich den Charles River entlanglief, wo ihn „immer wieder junge Mädchen, dem Anschein nach Studienanfängerinnen von Harvard“ überholten, „klein und sehr schlank“, die Shirts trugen und „blonde Pferdeschwänze“ und liefen „wie der Wind“. Der Boston-Marathon ist es auch, der mit seiner abwechslungsreichen Landschaft (und anspruchsvollen Strecke) Murakami am meisten anspricht.
Seinen ersten Lauf über die Langdistanz bewältigte der Autor – er hielt seine Eindrücke in einem Reisetagebuch fest – auf geschichtsträchtigem Boden, nur in umgekehrter Richtung, von Athen nach Marathon, im Juli 1983. Frühmorgens um halb sechs bricht er zu diesem „Wettrennen gegen die Sonne“ auf: „Der Name Marathon vermittelt zwar einen Hauch von Historie, aber der Weg dorthin ist im Grunde eine ganz gewöhnliche Hauptverkehrsstraße“, gepflastert mit Tierkadavern – „drei Hunde und elf Katzen, die ihr Leben auf der Straße“ gelassen haben: „Es ist ziemlich niederdrückend.“ Nach knapp vier Stunden ist Murakami, „begleitet nur von höllischem Verkehr, unvorstellbarer Hitze und meinem brennenden Durst“, am Ziel. Ein Tankwart, in die Geschichte eingeweiht, schneidet Topfblumen ab und überreicht dem Erschöpften einen Strauß. Die „Liebenswürdigkeit der Menschen dieses fremden Landes“ geht ihm zu Herzen. Verfolgen läßt sich (nicht nur) dieses Abenteuer auch anhand atmosphärischer Farbphotos.
Murakami nimmt die Leser gleichfalls mit zu einem Hunderter auf Hokkaido und zu einem Triathlon in der Präfektur Niigata. Eine so spannende wie vergnügliche Lektüre ist das, für Läufer zumal. Denen ist das Buch auch gewidmet, all jenen, „die ich überholt habe und die mich überholt haben. Wenn ihr nicht gewesen wärt, wäre ich vielleicht nie weitergelaufen.“ Und auf seinem Grabstein möge zu lesen sein:
Haruki Murakami
Schriftsteller (und Läufer)
Zumindest ist er nie gegangen.

 

Haruki Murakami, Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. München: btb, 2010. 8,00 Euro.

 

Achte Buchbesprechung

WERNER SONNTAG ERTEILT RATSCHLÄGE FÜR DEN ERSTEN HUNDERTER IN BIEL

 

Es gibt durchaus Läufer, die sich, wie etwa der Schriftsteller Haruki Murakami, mit 42,195 Kilometern keinesfalls bescheiden wollen. Für all diese Ultramarathonis bietet sich ein Hunderter an, beispielsweise jener von Biel, einer der ältesten, bekanntesten und beliebtesten seiner Art. 1972 trat Werner Sonntag, der in Ostfildern bei Stuttgart lebende, aus Görlitz stammende, inzwischen über achtzig Lenze zählende Laufpionier, erstmals in Biel an, und auch in diesem Sommer war Sonntag dabei, zumindest über drei Viertel der Strecke hinweg. Wer also wäre prädestinierter, über die „Bieler Juni-Nächte“ zu berichten?
Sein „Facetten eines Laufjubiläums“ untertitelter Band versteht sich als historische Rückschau, als eine „Würdigung dieser schweizerischen Laufveranstaltung, die europäische Bedeutung erlangt hat“, aber auch und vor allem als praktischer Ratgeber für alle, die auf den Ultra-Geschmack gekommen sind. Eine detaillierte Karte der Laufstrecke einschließlich Höhenprofil, eine Essentiellen-Liste (Quartier besorgen, Wetterbericht beachten, bequeme Schuhe für die Zeit danach einpacken) sowie wichtige (Internet-)Adressen tragen zu seiner Nützlichkeit bei. Ein Beizettel verzeichnet Siegerzeiten und Teilnehmerzahlen bis 2010 – man ist au courant. Etliche, überwiegend in Farbe gehaltene Abbildungen vermitteln ein Bild von den Reizen des Laufes und von dem bunt gemischten Teilnehmerfeld (mit Hund als treuen Begleiter, als zweifach glücklicher Zieleinläufer, den Säugling im Arm, als entspannter Raucher auch).
In dem Hunderter an der Grenze zur Suisse Romande erkennt Sonntag den „Ursprung der europäischen Ultramarathon-Bewegung“, welche wiederum den „Ultralanglauf in aller Welt“ befruchtet habe. Es begann 1959, noch nicht in einer Juninacht, sondern Mitte November, mit knapp drei Dutzend – damals ausschließlich männlichen – Wagemutigen, von denen 22 das Ziel erreichten. Anders als noch beim Marathon steht bei einem Ultra zumeist nicht die persönliche Bestleistung im Zentrum, sondern die (erfüllende) Bewältigung einer derart langen Strecke überhaupt. Als Lohn winkt ein unvergleichliches Erfolgserlebnis, ein veritables Abenteuer. Man blickt zurück auf die „aktive Wahrnehmung der Natur und ihrer Erscheinungen“, hat womöglich einen Zustand der Trance erfahren, an der „Kommunikation unter Sportlern und mit Zuschauern“ Gefallen gefunden.
Vom Faszinosum Biel/Bienne ging (und geht, wenn auch in geringerem Maße, nach wie vor) eine immense Wirkungskraft aus, die beispielsweise dem Swiss Alpine Marathon den Weg geebnet hat und zahlreichen anderen Landschafts- und Erlebnisläufen. Inspiriert vom wegweisenden „Bieler Modell“ wurde 1969 im westfälischen Unna der erste Hunderter der Bundesrepublik ins Leben gerufen; drei Jahre hernach folgten die Franzosen mit einer Veranstaltung in Millau, dem Tor zur landschaftlich reizvollen Tarn-Schlucht, wenige Kilometer südöstlich von Bambergs Partnerstadt Rodez gelegen; Florenz folgte 1973. Längst ist das Angebot an Hundertern, sogar an Tages- und Mehrtagesläufen unüberschaubar. Auch wenn sich dadurch – und aufgrund des populären Triathlons – seit Mitte der Achtziger ein Teilnehmerschwund bemerkbar macht (von 2008 auf 2009 um satte 1200), hat Biel sich und seinen Zauber bewahrt.
In den frühen Jahren war der Lauf fest in der Hand der Schweizer, bei der Premiere gewann Hans Ruch in 13.45. Bald mischten sich aber auch Deutsche unter das Feld, Helmut Urbach etwa vom GSV Köln-Porz, der insgesamt siebenmal siegte. Den Streckenrekord allerdings hält noch immer ein Eidgenosse, Peter Camenzind vom SSC Langnau (6:37:59, anno 1996), nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Protagonisten aus Hermann Hesses Romanerstling. Bei den Frauen führt, mit einer Zeit aus dem Jahre 1997, Birgit Lennartz aus Bonn die Bestenliste an (7:37:39). Sie gewann, ganz wie Urbach, den Klassiker insgesamt siebenmal.
Freilich – die Zeit ist in Biel so wichtig nicht. Es gilt das Erlebnis, das Abenteuer, die Emotion. Dies wird deutlich, wenn man Sonntags Schlußkapitel liest, das Stimmen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern versammelt: „Biel läßt keinen unberührt“. So ist es, und das kann man auf dem vorliegenden Buch attestieren.

Werner Sonntag, Bieler Juni-Nächte. Der 100-km-Lauf von Biel/Bienne. Facetten eines Laufjubiläums. Ostfildern: Laufen und Leben, 2008. 14,00 Euro (einschließlich Versand, wenn man direkt bei Werner Sonntag, Königsberger Straße 12, 73760 Ostfildern, bestellt).

 

 

Neunte Buchbesprechung

KERSTIN HENSELS GEDICHTE LASSEN SICH BEI ALLEN WETTERN LESEN

 

Ein vollständig mit (gelungenen) Gedichten, die dem Laufen gelten, gefüllter Lyrikband wird sich schwerlich finden lassen. Selbst ein Günter Herburger, der sich in seiner Prosa wieder und wieder des Themas angenommen hat, klammert den Langlauf in seinem weitgespannten lyrischen Schaffen so gut wie aus. Und doch ist, bei entsprechend reichhaltiger Lektüre, durchaus die ein oder andere Trouvaille zutage zu fördern. Hier eine Kostprobe aus der oft mythen-, oft märchenhaften Feder Kerstin Hensels:


Marathon

I

Schön die schwarzen Gazellen in leichtem Lauf ganz vorn
Holen sie sich
Die fette Prämie die macht
Zu Hause drei Dörfer satt


II

Schwer hinten die herrlichen Deutschen
Schwitzen den Beifall aus.


Diese sechs knappen, freien Verse spiegeln die Realität wider, wie sie sich bei großen Stadtmarathons hierzulande jeden Herbst und jedes Frühjahr seit etlichen Jahren dartut. Auch wenn man nicht den verbreiteten Fehler begehen sollte, das lyrische Ich (welches hier sowieso fehlt) mit der Autorin, mit dem Dichter gleichzusetzen, darf vermutet werden, daß Hensel sich zu diesem Gedicht vom Berlin-Marathon hat inspirieren lassen, denn dort, an Havel und Spree, ist die gebürtige Karl-Marx-Städterin nach Stationen in Leipzig und auch Rom (Villa-Massimo-Stipendium) zuhause. Seit 1999 haben in Berlin ausschließlich Läufer aus Kenia oder Äthiopien gewonnen, bei den Frauen standen zudem Japanerinnen ganz oben auf dem Treppchen und, 2008, die aus Kasachstan stammende, längst für Deutschland startende Irina Mikitenko.
Daß die schwarzen Gazellen das Feld anführen, bildet „Marathon“ dadurch ab, daß davon gleich im Auftaktvers die Rede ist, aber auch, weil der erste Vers der mit einigem Abstand längste ist. Erst hinten dann, in der zweiten Strophe, noch dazu „Schwer hinten“ - eine Anspielung womöglich auf deren (Über-)Gewicht – folgen die „herrlichen Deutschen“. Immerhin werden auch sie in Zeiten, in denen Marathonläufen zumindest am Rand der Strecke Volksfestcharakter eignet, mit Applaus bedacht. Das einzig Fette an den Gazellen in Schwarz ist hingegen die Prämie, die sie sich, wenn die Deutschen noch den Beifall ausschwitzen, längst abgeholt haben und von der – was für ein schönes Wunder – auf der afrikanischen Hochebene gleich „drei Dörfer satt“ werden. Dieses Wunder läßt im übrigen an ein Gedicht Rainer Malkowskis denken (der Reiz von Lyrik besteht unter anderem darin, daß man sie, einmal auswendig im Herzen, immer mit sich herumtragen kann und darin, daß sich zwischen vielen Gedichten ein Beziehungszauber einstellt), an die „Marokkanische Aufklärung“, die so schließt: „von dem, was ich lose / in der Tasche trug, / konnte Achmed einen Monat lang leben.“ Auch die Marokkaner haben großartige Marathonläufer hervorgebracht, etwa Jaouad Gharib, den zweifachen Weltmeister. Malkowskis so ansprechende wie unmittelbar einnehmende Lyrik ist, postum gesammelt, im vergangenen Herbst in einer schönen Ausgabe bei Wallstein in Göttingen herausgekommen.
Doch zurück zu Kerstin Hensel. Auf unsere Frage, wie sie es denn mit dem Laufsport halte, antwortete Hensel, sie selbst laufe nicht, nannte sich gar eine ausgemachte Gegnerin des Leistungssports und konstatierte: „Mir fehlt auf allen Gebieten des Lebens das Wettkampf-Gen. So ist das.“ Mit Preisen freilich ist sie dennoch bedacht worden, so als eine der letzten vor einer Dekade mit dem inzwischen eingestellten Gerrit-Engelke-Preis (den als erster, zusammen mit Günter Wallraff, Günter Herburger gewann, 1979) und auch mit dem angesehenen Leonce-und-Lena-Preis (1991), der 1979 Rainer Malkowski zugesprochen worden war (zusammen mit dem aus dem mittelfränkischen Treuchtlingen stammenden Wiener Ludwig Fels und Rolf Haufs, auf den wir noch zu sprechen kommen werden).
Diese Auszeichnungen dürfen angesichts der sich der Sprache und ihrer schöpferisch-spielerischen Möglichkeiten so reichhaltig und versiert bedienenden Gedichte Hensels nicht verwundern. Sie weiß, was sie zu sagen hat, zu sagen. Hensel ist eine meisterliche Stellerin der Schrift, der Verse und Versfüße. Die Probe aufs Exempel ist bereits mit einem kurzen Blick in Alle Wetter zu machen, ein Band, der sehr günstig zu haben ist. Märchen und Mythen (auch dies schwingt bei „Marathon“, wie unterschwellig auch immer, mit) finden sich darin, auch werden „Kopfnoten“ verteilt:

„mangelhaft weil sie nicht
ihren Kopf mit zur Schule bringt
sondern Lieder
die keine sind“

Armes (Deutsch-)Land kann man da nur sagen, wo einem in der Schule nahezu jede Kreativität ausgetrieben, jedenfalls kaum gefordert und gefördert wird. Hensel läßt den Leser denken an eine Warnung in einem frühen Gedicht Hans Magnus Enzensbergers, einem seiner bekanntesten, in dem es heißt: „Sei wachsam. Sing nicht.“
Weiters stimmt Hensel ein hohes Lied auf das Alter an, bei ihr „Lob der Zeit“ geheißen, in welchem sich als Kind eher verschmähte bis verabscheute kulinarische Genüsse finden wie Kuttelfleck und weiße Bohnen, wie Sellerie und rote Rüben, um dann doch sportlich zu enden, nämlich „Mit einer Kniebeug früh halb sieben“.
Hensel (oder besser: das lyrisches Ich) ist gar dem „Eintritt ins Paradies“ nahe, und wer dort, wo Bocciakugeln rollen, aber auch Köpfe, wo sich der Geist „Auf der Schlummerwiese / Entknotet“, wo „die Zikaden zirpen / Wie tausend Umspannwerke unter Strom“, wer dort, eben dicht am „Eintritt ins Paradies“, die Villa La Collina vermutet, wird so falsch nicht liegen. In Adenauers ehemaliger Sommerresidenz in Cadenabbia am Comer See, findet seit anderthalb Jahrzehnten die Autorenwerkstatt der Konrad-Adenauer-Stiftung statt. Auch Kerstin Hensel war bereits zu Gast, ganz wie im Künstlerhaus Edenkoben. Am Rand des Pfälzer Waldes, an der Deutschen Weinstraße, läßt jedenfalls „Edenkoben“ vermuten, „Streifen die Musen umher und selbst / Die Reblaus macht sich / Darauf einen Vers.“ Diese beiden Gedichte, „Paradies“ und „Edenkoben“ (gleichfalls, allem Anschein nach, nur wenige Schritte vom Paradies entfernt), belegen aufs schönste, wie wichtig, wie fruchtbar Stipendien für Literaten, für die jungen zumal, sind. Nur am Rande und zum Ausklang sei an das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg erinnert.
An der Regnitz ist Hensel übrigens oft schon gewesen, auch auf Einladung des unermüdlichen Lyriklesers und -förderes Wulf Segebrecht. Und so ganz kann das mit ihrem Nicht-Laufen nicht stimmen. Denn in der Tanzstunde auf See, von Rolf Haufs, und soeben in der Reihe Lyrik Kabinett bei Hanser erschienen, stößt man auf das Gedicht „Kerstin Hensel läuft über die Schönhauser Allee“. Haufs ist, wer hätte es vermutet, ehemaliger Marathonläufer. Vor allem aber – und noch immer und immer wieder – ein begnadeter Lyriker.

Kerstin Hensel, Alle Wetter. Gedichte. München: Luchterhand, 2008. 7,00 Euro.

 

Zehnte Buchbesprechung

JEAN ECHENOZ SCHREIBT EINEN DOKUMENTARROMAN ÜBER DIE TSCHECHISCHE LOKOMOTIVE

 

Nicht immer in der Geschichte der Leichtathletik war es so, daß Kerstin Hensels „schwarze Gazellen“ aus Kenia, aus Äthiopien, aus Marokko die Langstrecken dominierten. Von den zehner bis in die vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein war an den Finnen Hannes Kolehmainen, Paavo Nurmi, Ilmari Salminen, Lauri Lehtinen, Taisto Mäki und Viljo Heino kaum vorbeizukommen. Nur unterhalb der 10000 Meter lief das Schwedenwunder Gunder Hägg vorneweg, der 1942 innerhalb von zweiundachtzig Tagen Weltrekorde über alle Strecken von 1500 Meter bis 5000 Meter aufstellte. Die späten Vierziger und die frühen Fünfziger schließlich prägte Emil Zátopek. Ihm hat Jean Echenoz vor zwei Jahren einen schmalen Roman gewidmet.
„Laufen“ setzt ein mit dem Einmarsch der Deutschen in Mähren, eine „kleine Blitzinvasion, eine kleine Annexion ohne großes Trara“. Es ist ein Zug von Pferden, von Motorrädern, Automobilen und Lastern: Horch 901, Mercedes 170, Opel Blitz, Zündapp mit Beiwagen. Die Deutschen besetzen die Stahl- und Kohlestadt Ostrava, in deren Nähe Zátopek 1922 – übrigens das annus mirabilis der literarischen Moderne – geboren wurde. Siebzehn ist Emil jetzt, ein „großer blonder Junge mit dreieckigem Gesicht, ziemlich hübsch, ziemlich still, der die ganze Zeit lächelt, und dann sieht man seine großen Zähne“. Im Bata-Werk, wo Schuhe hergestellt werden, hat er Arbeit gefunden, zunächst als Handlanger in der Kautschukabteilung, bevor er aufgrund seines Lerneifers ins chemische Institut befördert wird.
Der junge Zátopek, schreibt Echenoz, verabscheue alles, was mit Sport zu tun hat. Darin wird er von seinem Vater bestärkt, dem zumal das Laufen als vollkommen unnütz gilt, als Zeit- und Geldverschwendung, denn die Schuhe müßten häufiger besohlt werden, und das schlage auf das Budget der Familie. Allerdings ist die Teilnahme an von der Wehrmacht angesetzten Wettkämpfen obligatorisch, und so wird ein Querfeldeinlauf in Brno über neun Kilometer zu Emils erstem Rennen. Die deutsche Mannschaft, „rank, arrogant, tadellos ausgerüstet, sämtlich Vertreter der Gattung Übermensch“ tritt gegen eine „Bande von ausgehungerten, abgerissenen Tschechen“, gegen „hagere Bauernjungs in langen Unterhosen oder schlecht rasierte angebliche Fußballspieler“ an. Emil wird, „ohne es zu bemerken“, Zweiter. Ein Vereinstrainer wird auf ihn aufmerksam: „Du läufst merkwürdig, aber du läufst gar nicht schlecht, sagt der.“
Und so kam's, so nahm die Laufbahn Emil Zátopeks, der „tschechischen Lokomotive“, ihren Anfang. In einer nüchternen, völlig dialogfreien Sprache schildert Echenoz die großen Rennen seines Helden. Unvergessen sind die Olympischen Spiele in Helsinki 1952, bei denen Zátopek über 5000 Meter, über 10000 Meter und im Marathon triumphiert. Alain Mimoun, sein französischer Konkurrent und Freund, gewinnt über die beiden kürzeren Strecken Silber. Bronze über 5000 Meter geht an einen Dreißigjährigen aus Solingen – Herbert Schade. Fast gleichzeitig gewinnt Zátopeks Frau – beide sind sie am 19. September 1922 geboren, sie sechs Stunden vor ihm – Gold im Speerwurf.
Das Buch endet ähnlich, wie es begann, mit dem Einmarsch der Sowjets in der Tschechoslowakei im August 1968. Zátopek schließt sich den Demonstranten auf dem Prager Wenzelsplatz an. Man bittet den Nationalhelden, sich zu Wort zu melden, und so verurteilt er die Invasion der befreundeten Mächte. Anderntags wird Emil von seinem Posten im Verteidigungsministerium (er war Leiter des Referats für Armeesport) entbunden. Man schließt ihn aus Partei und Armee aus, untersagt ihm sogar den Aufenthalt in Prag. Er wird als Lagerist in den Urantagebau im Nordosten des Landes geschickt, sechs Jahre lang. Erst als man ihn zwingt, ein Dokument zu signieren, in dem er seine begangenen Irrtümer bereut, etwa die Unterzeichnung des Manifestes der Zweitausend Worte, „dieser reaktionären Schweinerei“, verzeiht man dem großen Läufer und ernennt ihn zum Archivar im Sport-Informationszentrum. Vor fast genau einer Dekade, am 21. November 2000, ist die tschechische Lokomotive in Prag gestorben.
Ein Wort noch zum Übersetzer, da diese im Stillen schaffenden Wortschatzmeister in der Literaturkritik nur selten Beachtung finden. Hinrich Schmidt-Henkel, vor einem halben Jahrhundert in Berlin geboren, übersetzt Belletristik, Dramen, Hörspiele, Lyrik, Kinder- und Jugendbücher aus dem Französischen (Louis-Ferdinand Céline, Camus, Michel Houellebecq), Norwegischen (Ibsen, Erik Fosnes Hansen, Jon Fosse) und Italienischen (Stefano Benni, Massimo Carlotto). Dafür hat er unter anderem 2004 den Celan-Preis und drei Jahre später den Deutschen Jugendliteraturpreis erhalten. Schmidt-Henkel ist Vorsitzender des Verbandes deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke und macht sich dafür stark, daß die Übersetzenden am wirtschaftlichen Erfolg jeder urheberrechtlich relevanten Verwertung ihrer Übersetzung in angemessener Weise beteiligt werden. Außerdem müßten, vor allem am unteren Ende, die seit Jahren sinkenden Seitenhonorare endlich angehoben werden. Das Gros der Literatur- und Kulturvermittler muß Monat für Monat mit einem Tausender vor Abzug der Steuern zurechtkommen, und das bei einem hohen Arbeitsaufwand, von Montag bis Sonntag, Woche für Woche, Jahr um Jahr.
Für Februar ist der Roman als Taschenbuch angekündigt.

Jean Echenoz, Laufen. Roman. Berlin: Berlin Verlag, 2009. 18,00 Euro.

 

Elfte Buchbesprechung

ELMAR SCHENKELS HINREIßENDE GESCHICHTE DES FAHRRADS IM LEBEN UND IN DER LITERATUR

 

Nicht immer ist es möglich, zu laufen. Beispielsweise dann, wenn man sich mit einer Verletzung herumplagt, wenn es extreme Witterungsbedingungen oder Bodenverhältnisse nicht gestatten. Vielleicht aber fehlt einem, für das eine Mal, die Lust oder man ist einfach nur auf Abwechslung aus. In all diesen Fällen bietet sich eine Fahrradtour an. Sofern man diese im Studio oder in den eigenen vier Wänden auf einem Standfahrrad, vulgo Heimtrainer, unternimmt, kann man dabei sogar lesen. Etwa Elmar Schenkels luziden, vor zwei Jahren in der Edition Isele herausgekommenen Essay über „Das Fahrrad und die Literatur“. Seine „Cyclomanie“ hat der eifrige Leser und ungemein fruchtbare Autor den „gemächlichen und gelegentlich freihändig fahrenden Radlern Leipzigs“ zugedacht. Zu denen er selbst zählt, denn man kann Elmar Schenkel, dem Anglisten, dem Literaturwissenschaftler, dem Dichter, FAZ-Mitarbeiter, Maler und vollbärtigen Pfeifenraucher, bisweilen in der Leipziger Innenstadt auf dem Fahrrad begegnen, mit Büchern schwer beladen aus dem Antiquariat kommend oder, mit nicht weniger Literatur bepackt, auf dem Weg zur Universität, wo er seit bald zwei Jahrzehnten den Lehrstuhl für Britische Literatur innehat.
Schenkel beginnt seine geschichts- und geschichtenträchtige Historie in der Wüste Nevadas: „Es ist zwei Uhr nachts, der Mond scheint über Winnemucca, und Thomas Stevens schleicht mit seinem Fahrrad an den Bahngleisen entlang, begleitet vom Heulen der Kojoten und dem unheimlichen Schrei eines unbekannten Vogels.“ Stevens? In den achtziger Jahren des vorvergangenen Jahrhunderts war es der aus Berkhamsted (eine Autostunde südwestlich von Bambergs Partnerstadt Bedford gelegen) Gebürtige, der als Erster zunächst die Vereinigten Staaten durch- und dann den Globus auf dem Hochrad umquerte. In Stevens' Reisebericht werden wir Zeuge, wie das Gerät „einen ersten Versuch unternimmt, Fuß auf dem Planeten zu fassen“.
Das Fahrrad, schreibt Schenkel, lade ein „zur Poesie, zum Rausch, zum Eros“, lasse sich nicht bremsen, sei eine artistische Herausforderung, gleiche einem Zaubertrick: „Es ist, wenn nicht Kunst, so doch ein kleines Kunststück.“ Literatur, Reklame, Malerei, Film, Photographie sind voll davon, und Schenkel weiß aus dieser reichen Fülle zu schöpfen, läßt das weiße Fahrrad aus dem Bed-In von Yoko Ono und John Lennon im Amsterdamer Hilton Hotel (März 1969) ebensowenig unberücksichtigt wie jenes in Jacques Tatis „Jour de Fête“ (1949), Don Camillos Klapperkiste oder die beiden gestohlenen in den „Ladri di biciclette“ (1948) von Vittorio de Sica.
Neben radelnden Autoren (Komponisten, Gustav Mahler etwa oder Edward Elgar, finden keine Erwähnung) wie H. G. Wells, Chesterton, Zola, Tolstoi und Mark Twain, der sich auf seinem Gefährt als Don Quijote begriff, der „mit einem altmodischen Körperverhalten auf die neuen Anforderungen der Maschine reagierte“, wobei Stürze naturgemäß keinesfalls ausblieben, neben Samuel Beckett und Ludwig Ganghofer stößt der neugierige Leser auf den Sandoz-Chemiker Albert Hofmann. Der Schweizer – 2008 mit 102 Jahren verstorben – gilt als Entdecker des LSD. Am 19. April 1943 erprobt er die Droge am eigenen Leib. Schwindel und Sehstörungen stellen sich ein, mit dem Velo schafft er es noch, begleitet von seiner Laborantin, nach Hause. Er muß sich auf ein Sofa betten, ihm Vertrautes verwandelt sich ins Groteske, Schreckensvisionen stellen sich ein. Der 19. April wird heute weltweit von LSD-Jüngern als „Bicycle Day“ gefeiert. Nebenbei sei bemerkt, daß es beim (stunden-)langen Laufen ja durchaus auch zu rauschhaften Zuständen, freilich der gesünderen Art, kommen kann.
Elmar Schenkel bedenkt zudem die Bedeutung des Fahrrads als Mittel der Emanzipation in der Frauenbewegung und nimmt sich weiters der Helden der Tour de France an. Das schöne Gedicht von Günter Grass zu diesem Thema bleibt ungenannt. Es ist weiter oben, eingangs der Dritten Buchbesprechung, zu finden.
Ein informativer, dichter und doch mit und zum Vergnügen zu lesender Essay ist Schenkel hier, nicht zum ersten Mal, gelungen. Die Begeisterung des mit vielen Wassern gewaschenen Anglisten für seinen Gegenstand ist auf jeder der 170 Seiten spürbar. Und wer sich von ihr und ihm hat anstecken lassen, findet in der umfangreichen Bibliographie weiteren Stoff zur Genüge, darunter auch etliche Trouvaillen.
Klaus Isele, der Verleger, im Badischen zuhause, unmittelbar an der Grenze zur Schweiz, ist Bamberg im übrigen insofern verbunden, als er hier studierte und das Lokalblatt mit ersten Buchkritiken versorgte. Auch stößt man in Iseles feinem Verlagsprogramm auf Sammelbände, an denen Mitarbeiter der Otto-Friedrich-Universität beteiligt sind, etwa zu Hans Wollschläger, und auch zu dem vor neun Jahren in der Nähe von Norwich (nicht mit dem Fahrrad, sondern am Steuer seines Autos) tödlich verunglückten W. G. Sebald, der über seine Freundschaft zu dem Pomologen und Poeten Michael Hamburger auch Schenkel alles andere als unbekannt war.


Elmar Schenkel, Cyclomanie. Das Fahrrad und die Literatur. Eggingen: Edition Isele, 2008. 18,00 Euro


 

 

Zwölfte Buchbesprechung

KAREN DUVES SELBSTFINDUNGSWEG ZUR ANSTÄNDIGEN ESSERIN

 

Über kaum ein Buch wird in diesen Nächten und Tagen häufiger gesprochen, über kaum eine Publikation wird eifriger diskutiert, als über eines, dessen Titel zu befolgen uns unsere Eltern (die freilich etwas ganz anderes darunter verstanden) bereits anhielten: „Anständig essen“. Karen Duves „Selbstversuch“ ist, wie könnte es bei dem Thema auch anders sein, in aller Munde. Seine Popularität verdankt sich, leider, einem Skandalon – mit Dioxin verseuchten Eiern.
Im Dezember 2009 beschließt die Autorin,ein besserer Mensch zu werden. So heißt es denn adeus Hähnchen-Grillpfanne, zumal der Preis von 2,99 Euro für ein ganzes Huhn auf verbrecherische Grausamkeit, auf absolut unwürdige Haltungsbedingungen schließen läßt. Über dieses Elend informierten bereits in den Siebzigern Horst Sterns gesellschaftskritische Dokumentationen „Sterns Stunde“ oder „Bemerkungen über das Huhn/Rind/Schwein“.
Sterns Engagement in Sachen Tier- und Umweltschutz freilich hat – noch immer, wie uns allzeit wieder aufscheinende Lebensmittelskandale lehren – wenig bis gar nicht gefruchtet. Das weiß der gute Mann aus Stettin: „Ich habe nichts erreicht. Was will man mit Filmchen bewirken, wenn nicht mal Tschernobyl was bewirkt?“ Diese ernüchternde Stern-Erkenntnis hat Duve als Motto an den Anfang ihres Buches gestellt. In sechzehn Kapiteln läßt sich darin, über zwölf Monate hinweg, der Weg der Autorin von der Quasi-Allesesserin (aber Immer-schon-Tierfreundin) hin zur aktuellen Veganerin-bisweilen-Vegetarierin verfolgen. Daß einem dabei hin und wieder unangenehm aufstößt, bleibt nicht aus, und hat hoffentlich, zum Wohle der Lebewesen, der Natur, zur Folge, die Leserin, der Läufer, möge Rilkes archaische, appolinische Schlußzeile „Du mußt dein Leben ändern“ endlich in die Tat umsetzen.
Duve beginnt ihre Selbstfindungsreise durch die verschiedenen Ernährungsweisen mit der Vorgabe, zwei (Winter-)Monate ausschließlich solche Produkte zu verzehren, die das EU-Bio-Siegel tragen oder deren Produktionsbedingungen ihr bekannt sind. Die selbstgekochte Marmelade der Nachbarin im Brandenburgischen ist also ebenso erlaubt wie die „Eier von den Hühnern unseres Bürgermeisters“. Es gefällt sehr, daß Duve die Dinge beim Namen nennt, ob es sich nun um die diversen Skandale oder um Supermarktketten (Rewe kommt gut, Lidl und Netto kommen eher schlecht weg) handelt. So erfährt man, was man ißt.
Völlig problemlos gestaltet sich der Umstieg auf Bio-Waren nicht. Was für T. S. Eliot der Kaffee war („I have measured out my life with coffee spoons“, heißt es in „The Love Song of J. Alfred Prufrock“, Juni 1915), das ist für die Roman- und Sachbuchautorin Schokolade und, horribile dictu: Coca-Cola light. Ohne Süßes, ohne Zuckerwasser, kann Karen Duve nicht schreiben. In einem Berliner Bio-Laden findet sie schließlich eine Guarana-Cola. Doch das „schwarze, kohlensäurehaltige Getränk der Firma Bio-Zisch“ will ihr partout nicht munden. „Völlig ungenießbar“, lautet Duves Verdikt. Sie spuckt die Brühe umgehend in die Spüle.
Bald setzt sich Duve das Ziel, kein Fleisch und keinen Fisch zu essen, vier Wochen hernach folgt auch der Verzicht auf Gelatine. Tofuwürstchen und Grünkernburger, befindet sie, „sind ganz okay – besonders, wenn man Ketchup draufschüttet“. Es könne allerdings nicht der „Sinn der vegetarischen Küche“ sein, „gebratene Tierteile aus Pflanzen nachzubasteln“. Bei ihren Recherchen ist Duve nämlich auch ein kubistisch anmutendes „eingeschweißtes halbes Hähnchen aus rein pflanzlichen Zutaten“ untergekommen, „mit ziemlich eckigen Flügeln“. Dann doch lieber einen Tomatensalat mit Schafskäse, vor allem mit „sensationell gut schmeckenden kleinen gelben Tomaten“ aus dem Bio-Laden.
Duve rät dazu, des öfteren nicht nur dem Auto, sondern auch dem Grillteller zu entsagen. Denn Fleischkonsum gelte als entscheidender Mitverursacher der Treibhausgas-Ausstöße: „Die landwirtschaftliche Nutztierhaltung trägt mehr zur globalen Erwärmung bei als der gesamte Transportverkehr in der Welt zusammengenommen – Autos, Eisenbahnen, Schiffe, Flugzeuge.“ Zudem ist die (Massen-)Tierhaltung eine der Hauptursachen von Welthunger, von Bodenzerstörung, Umweltverschmutzung, zu hohem Wasserverbrauch, Verlust der Artenvielfalt, Klimawandel (dessen brandaktuelle Folgen, auch das macht diesen Selbstversuch zu einer manches Mal düsteren Lektüre, ausgiebig dokumentiert werden). Um sich ein Bild vom Elend der Tiere zu machen, versucht Duve über ihren Verlag (übrigens das ganz großartige Berliner Haus Galiani), eine Besichtigung bei einer Großschlachterei auszumachen. Zunächst wird sie vertröstet, dann sagen ihr allesamt ab. Und mit Paul McCartney glaubt sie, daß niemand mehr Fleisch essen würde, wenn die Wände der Schlachthöfe aus Glas bestünden.
Im wunderschönen Monat Mai, in dem ja auch der Weltkulturerbelauf Bamberg stattfindet, zieht Duve die Schrauben ihrer Lebensweise noch härter an – nichts vom Tier heißt die Devise, und zwar weder auf dem Teller noch im Kleiderschrank. Gerade jetzt kommen die Eltern zu Besuch und laden ihre Tochter ins Seerestaurant ein. Eltern, aus Hamburg, die Duve mit keiner noch so bizarren Partnerwahl mehr schockiert hat als durch ihren Veganismus. Keine Daunenbettdecken mehr, denn der Großteil der aus China, Polen und Ungarn stammenden Daunen werden von der lebenden Gans gerupft; dergleichen wurde aber auch im niedersächsischen Wistedt in einer großen Zuchtanlage praktiziert, obgleich Lebendrupf EU-weit verboten ist.
Im Badezimmer wandert die Honey-Drop-Lotion sogleich in die Tonne, selbst Zahnpasta ist zumeist nicht vegan, liest man mit Erstaunen, da das Fluor „mittels Rindertalg als Emulgator in die Zahnpasta eingebracht wird“, im Vitamin-C-Pulver steckt Milchzucker. „Wieso“, fragt die verzweifelte Schriftstellerin, wieso muß „in fast jedem verdammten Produkt ein Schluck Milch oder ein Stück Tierleiche sein? Damit die Milch- und Fleischindustrie ihre Abfallprodukte loswird?“ Sodann wird der Kleiderschrank um etliches lichter. Kein Wollpullover mehr, adieu mein feiner Seidenschal. Lederschuhe und -gürtel? Tempi passati! Bei Büchern mit Ledereinband macht Duve eine Ausnahme. Und sowieso sind die (antiquarischen) Bücher mit Knochenleim gebunden.
Einkäufe, nicht nur von Nahrungsmitteln, gestalten sich fortan arg schwierig. Aber zum Glück gibt es ja diesen Tante-Emma-Laden in Kreuzberg, der neben veganen Lebensmitteln auch vergane Schuhe, vegane Haushaltsmittel und Kosmetika führt. Und T-Shirts, welche ein Schaf zur Schau stellen, das „friend, not food“ sagt. Ach, Berlin ist ein Segen – mehr als zweieinhalb Dutzend vegetarische oder vegane Restaurants und Imbisse stehen der anständigen Esserin zur Auswahl. Herausragend findet Duve das Gourmet-Restaurant „La Mano Verde“: überbackener Spargel, Spaghetti mit Passe Pierre Algen (15,50 Euro) und ein 6,50 Euro teurer „Schokoladennachtisch, bei dem man sich fragt, was einen in Gottes Namen eigentlich noch davon abhält, für immer Veganerin zu bleiben“. Freilich gilt zu bedenken, daß selbst beim Getreide- und Gemüseanbau Tiere getötet werden. Rund 90000 Rehkitze kommen jährlich unter den Mähdrescher, und sogar „in der ökologischen Landwirtschaft werden bestimmte Gifte zugelassen“. Kartoffel oder Kartoffelkäfer, that is the question.
Im August, in Duves ausnahmslos veganer Phase, macht, ausgerechnet, der Kreuzberger Veni-vidi-vegi-Laden Urlaubspause. Wo also läßt sich nun Brot ergattern, das nicht auf einem mit Butter eingefetteten Backblech gebacken wurde? September: Duve konsumiert lediglich Pflanzenteile, die man nehmen kann, ohne die Pflanze dabei zu verletzen oder zu töten, ernährt sich mithin fruktarisch. Obst ist erlaubt, auch Tomaten und Bohnen, hingegen sind Kartoffeln, Rüben, Lauch, Spinat tabu. Oktober: „Keine Gewalt gegen Menschen, Tiere und Pflanzen.“ Duve ißt, überwiegend, Früchte. November: wie weiter? Karen Duve trifft für die Zukunft eigene Vorsätze, die zum Schluß hier angeführt sein sollen, denn sie, wenigstens bisweilen, zu befolgen, dürfte nicht schaden.
I. Wann immer es irgend möglich ist, erledige ich meine Einkäufe in Bio-Läden.
II: Ich esse kein Fleisch aus Massentierhaltung mehr.
III: Ich werde maximal noch zehn Prozent dessen, was ich früher an Fisch, Fleisch und Milchprodukten konsumiert habe, essen.
IV: Ich kaufe keine Lederprodukte mehr und keine Produkte, in die Daunen verarbeitet worden sind.
V. Ich konsumiere insgesamt weniger. Und wenn, dann kaufe ich bevorzugt gebrauchte Sachen. Außerdem trenne ich mich im nächsten Jahr jeden Tag von mindestens einem Gegenstand aus meinem Besitz.
Im Anhang findet sich im übrigen ein ausführliches Literaturverzeichnis, welches auch Internetseiten zum Thema beinhaltet. Fazit: Ein tierisch gutes Buch!

Karen Duve, Anständig essen. Ein Selbstversuch. Berlin: Galiani, 2011. 19,95 Euro.


 

EPILOG

 

Das große Rennen ist gelaufen, das Ende dieser Kolumne naht. Und doch wäre noch auf etliches hinzuweisen, denn statt uns der bereits in der Einleitung erwähnten Klassiker der Laufliteratur von, beispielsweise, Siegfried Lenz und Alan Sillitoe (übrigens beide 1959 erschienen und seither, der eine wie der andere, in unzähligen Ausgaben und Auflagen nachgedruckt) anzunehmen, ist uns Karen Duves selbstversucherische Ernährungsfibel dazwischengekommen oder Ingo Hollands ganz wunderbarer Gewürz-Koch-Schinken. Beide Besprechungen aber haben hier ihre Berechtigung, denn ob sie nun Herbert Steffny heißen, Thomas Wessinghage oder Ernst van Aaken, die Bedeutung der Ernährung für den (ambitionierten) Läufer ist immer wieder von Trainern hervorgehoben worden.
Wenigstens kursorisch sei hier aber noch die reiche verbleibende und Halbjahr um Halbjahr anwachsende Laufliteratur angezeigt. Je nach Gusto mag man einen Marathon-Krimi lesen und darf Frankfurt (Jörg Reckmann, Bärlinger Splitt) gegenüber Boston (Frank Lauenroth, Boston Run) vorziehen, sofern Leselust und Ausdauer nicht für beide reichen, hat die Wahl zwischen Fakten (zur Geschichte des Laufsports: Claus Dahms; zu Kipchoge Keino, Moses Kiptanui, Wilson Kipketer und anderen kenianischen Wunderläufern: Robert Hartmann) und Fiktionen (Hans Gebhardt, Die 80 Tage des Gunder Hägg; Paul Rambali, Der Mann, der barfuß lief, ein ausgezeichnetes Jugendbuch) kann zu Gedichten (Hans-Ulrich Treichel) oder zu Satire und Karikatur (Lothar Koopmann) greifen.
Wem die Langstrecke einmal zu anstrengend sein sollte, der findet in den Sprinter-Biographien aus dem feinen Göttinger Verlag Die Werkstatt abwechslungsreiche Kost: Michael Dittrich und Daniel Merkel beschreiben das Leben des Heinz Fütterer (einschließlich einiger Rezepte, etwa Kuttelsuppe nach Art des „Weißen Blitzes“) und feiern Carl Kaufmann, den „Bel Ami der Aschenbahn“ (auch, mit Elke Sommer, des Tanzbodens, der Theaterbühne, des Tonstudios – „Amor läuft mit“, von 1960 – man beachte, daß Amor palindromisch genommen Roma ergibt, wo Kaufmann zweimal Silber über die Stadionrunde holte, solo und mit der Staffel), während Knut Teske sich den Jahrhundertläufer Armin Hary vornimmt.
Zur Vorbereitung auf den sechsten Weltkulturerbelauf im Mai 2013 bieten die Bücher von Herbert Steffny, Danny und Katherine Dreyer, Joris van den Bergh, Claus Dahms and – runners from the Warner Barracks and top competitors from Bedford, England, please do note – by Pete Pfitzinger and Scott Douglas as well as by Stephen J. McGregor and Matt Fitzgerald vielfältige Anregung und verschiedenartige Ansätze.
Hermann Wennings großzügig gesprochen fast noch druckfrischer Lauf zurück ins Leben schließlich ist ein sehr persönlich gehaltenes Mutmachbuch, das man nur empfehlen kann. Laufen statt saufen, Ekstase ohne Ecstasy. So geht es.
Lesen Sie wohl! Zum hoffentlich doch guten Ausgang sei, mit Hans-Ulrich Treichel, dem Romancier und Lyriker aus dem ostwestfälischen Wurstwinkel, allen am Weltkulturerbelauf Teilnehmenden – kommenden, aktuellen, ehemaligen – zugerufen ein herzliches

Viel Glück

Viel Glück und liebe Grüße
Und hunderttausend Küsse, an alle
[…] die wir kennen, an alle
die noch pennen, viel Glück und laß
dirs gutgehn, und laß dir einen Hut
stehn, mit einem Ziegenbart, auf daß
wir nichts vergessen, die Liebe und
das Fressen, auf daß der Wind sich
dreht, so gut es eben geht, viel Glück
und bessre Zeiten, beim Laufen
und beim Reiten, und auch beim
Diskuswerfen, wir wolln die Messer
schärfen, und leg den Strick gut weg,
du kennst ja das Versteck.

- Hans-Ulrich Treichel


Bibliographie:

Claus Dahms, Laufen. Geschichte, Kultur, Praxis. Göttingen: Verlag Die Werkstatt, 2001. 16,90 Euro.
Michael Dittrich / Daniel Merkel, Der „Weiße Blitz“. Das Leben des Heinz Fütterer. Göttingen: Verlag Die Werkstatt, 2006. 19,80 Euro.
Michael Dittrich / Daniel Merkel, Bel ami der Aschenbahn. Das Leben des Carl Kaufmann. Göttingen: Verlag Die Werkstatt, 2010. 16,90 Euro.
Danny Dreyer / Katherine Dreyer, Chyrunning. Die sanfte Revolution der Laufschule. Aus dem amerikanischen Englisch von Olaf Bentkämper. Bielefeld: Covadonga, 2010. 14,80 Euro.
Hans Gebhardt, Die 80 Tage des Gunder Hägg. München: Goldmann, 1979 (¹1976). Nur noch antiquarisch.
Robert Hartmann, Läufergeschichten aus Afrika. Hasselroth: Verlag Dr. Harald Schmid, 2004. 19,90 Euro.
Lothar Koopmann, Mission Marathon. Oder: Wie ich kein Superläufer wurde. Mit Illustrationen von Thomas Plaßmann. Betzenstein: Sportwelt, 2010. 8,95 Euro.
Frank Lauenroth, Boston Run. Der Marathon-Thriller. Betzenstein: Sportwelt, 2010. 8,95 Euro.
Siegfried Lenz, Brot und Spiele. München: dtv,272005 (¹1959). 9 Euro.
Stephen J. McGregor / Matt Fitzgerald, The Runner's Edge. High-Tech Training for Peak Performance. Champaign, IL and Leeds, England: Human Kinetics, 2010. 12,99 £.
Pete Pfitzinger / Scott Douglas, Advanced Marathoning. Champaign, IL and Leeds, England: Human Kinetics, 2009 (¹2001). 12,99 £.
Paul Rambali, Der Mann, der barfuß lief. Die Geschichte des Abebe Bikila. Aus dem Englischen von Birgit Schmitz. Hamburg: Carlsen, 2008. 16,90 Euro.
Jörg Reckmann, Bärlinger Splitt. Kriminalroman. Frankfurt: Frankfurter Verlagsanstalt, 2010. 19,90 Euro.
Alan Sillitoe, Die Einsamkeit des Langstreckenläufers. Aus dem Englischen von Günther Klotz. Zürich: Diogenes, ⁷2009 (¹1980). 7,90 Euro.
Herbert Steffny, Das große Laufbuch. Alles, was man übers Laufen wissen muss. München: Südwest, 2009. 22,95 Euro.
Knut Teske, Läufer des Jahrhunderts. Die atemberaubende Karriere des Armin Hary. Göttingen: Verlag Die Werkstatt, 2007. 24,90 Euro.
Hans-Ulrich Treichel, Liebe Not. Gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1986. 5,00 Euro.
Joris van den Bergh, Mysteriöse Kräfte im Sport. Die Geheimnisse des Mentaltrainings. Aus dem Niederländischen von Christoph Bönig. Bielefeld: Covadonga, 2010. 12,80 Euro.
Hermann Wenning, Lauf zurück ins Leben. Bericht einer Lebenskrise. Berlin: Berlin University Press, 2010. 19,90 Euro.


 

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